Molière
Er gilt den Franzosen als einer ihrer großen Klassiker und vielen als ihr größter Autor überhaupt. Seine bahnbrechende Leistung bestand darin, die Komödie zu einer der Tragödie potenziell gleichwertigen Gattung zu machen und das Theater zumindest für einige Jahre zum Diskussionsforum für gesellschaftlich-menschliche Probleme zu erheben.
| Inhaltsverzeichnis |
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2 Rückkehr nach Paris und erste Erfolge 3 Die schwierigen Jahre 1664-1669 4 Die letzten Jahre 5 Werke 6 Literatur 7 Weblinks |
Jugend und Wanderjahre
Molière (wie er sich vermutlich ab 1643, spätestens aber seit Juni 1644 nannte) wurde geboren als ältester Sohn eines wohlhabenden Pariser Händlers für Heimtextilien (tapissier), der 1631 das Amt eines Tapissier du Roi kaufte, d.h. eines königlichen Raumausstatters und Dekorateurs. Mit 10 verlor er seine Mutter, mit knapp 15 auch seine Stiefmutter, was ihn sicher traumatisierte. Seine Schulzeit absolvierte er auf dem von Jesuiten geführten Collège de Clermont, wo er eine solide klassische Bildung genoss und einige später für ihn interessante Mitschüler hatte. Von seinem Großvater mütterlicherseits, einem Theaternarren, wurde er häufig zu Aufführungen mitgenommen und erhielt so erste Einblicke in diese ihn offenbar früh faszinierende Welt.Mit knapp 16 legte er jedoch brav den Amtseid als künftiger Amtsnachfolger seines Vaters ab und studierte wenig später Jura in Orléans. Ob er sich, nachdem er 1641 zurück in Paris war, als Anwalt versucht hat, ist ungewiss. Sicher ist, dass er um diese Zeit den Diskussionskreis um den Naturwissenschaftler und Philosophen Pierre Gassendi frequentierte, was ihm eine gewisse Distanz zu den Dogmen der Kirche vermittelte. Offenbar verfasste er damals eine Übersetzung von De Rerum Natura des römischen Philosophen Lukrez, die aber verlorengegangen ist.
1642, mit 21, lernte er die zwei Jahre ältere Schauspielerin Madeleine Béjart kennen, die ihn in seinem Drang zum Theater bestärkte – zweifellos gegen den Willen seines Vaters, von dem er beauftragt wurde, in Ausübung seines Tapissier-Amtes Ludwig XIII auf einer längeren Reise als Einrichter der wechselnden königlichen Nachtquartiere zu begleiten. 1643 übertrug er jedoch das ungeliebte Amt auf seinen jüngeren Bruder, ließ sich einen Vorschuss auf das Erbe seiner Mutter auszahlen und gründete zusammen mit den drei Geschwistern Béjart und fünf weiteren Schauspielern ein Theater: L'Illustre Théâtre. Dieses ging schon 1645 pleite, wobei Molière (wie er sich inzwischen, vielleicht nach einem südfranzösischen Dorf dieses Namens) nannte vorübergehend in Schuldhaft genommen wurde. Danach schlossen er und die Béjarts sich der Wandertruppe des Schauspielers Charles Dufresne an, die vom Duc (=Herzog) d'Épernon protegiert wurde und hauptsächlich in West- und Südfrankreich umherzog.
Relativ schnell arbeitete Molière sich in der Truppe hoch zum Direktor und gewann 1653 für einige Jahre den Gouverneur der Provinz Languedoc, den ihm aus der Schulzeit bekannten Prince (=Fürst) de Conti, als Sponsor. Spezialität der Truppe waren, neben dem gängigen Tragödien-Repertoire, komische Farcen und heitere Stücke im Stil der italienischen Commedia dell'arte, wobei Molière spätestens 1655 mit der Verskomödie L'Étourdi (=der Tolpatsch) auch eigene Werke ins Programm aufnahm.
Rückkehr nach Paris und erste Erfolge
1658, nach 13 Wanderjahren, in denen er Menschen aus allen Schichten begegnet war und von Grund auf sein Handwerk als Schauspieler, Theaterdirektor und schließlich auch Autor gelernt hatte, gastierte er in Rouen und bekam Kontakt zu dem jüngeren Bruder von Ludwig XIV. Er wurde von ihm nach Paris eingeladen und spielte vor dem Hof, zuerst mit mäßigem Erfolg die Tragödie Nicomède von Pierre Corneille, dann die eigene Farce Le Docteur volant (=der fliegende Doktor). Diese gefiel dem jungen, eben 20-jährigen König so sehr, dass er der Truppe erlaubte, im Saal des an den Louvre grenzenden, zum Abriss bestimmten Petit-Bourbon zu spielen (wo allerdings die Sonntage, Dienstage und Freitage schon einer italienischen Truppe um den berühmten Komödianten Scaramouche gehörten).Den Durchbruch erzielte Molière im November 1659 mit seiner Prosakomödie Les précieuses ridicules (=die lächerlichen Preziösen), wo er an den beiden Protagonistinnen, zwei naiven, etwas exaltierten Bürgermädchen, den manirierten Jargon und die wirklichkeitsfremden Denkweisen der "Preziösen" (einer Art Emanzen-Bewegung avant la lettre) persiflierte – und sich erste Neider und auch Feinde schaffte, darunter den Verwaltungschef der königlichen Schlösser, der just zu Beginn der Spielzeit 60/61 den Abriss des Petit-Bourbon verfügte. Molière blieb drei Monate ohne Spielstätte, bis er vom König den Saal des Palais-Royal zugewiesen bekam.
Der nächste große Erfolg war Ende 1662 L'École des femmes (Die Schule der Frauen), eine Verskomödie, in der Molière (der soeben die 19-jährige Armande Béjart, eine Schwester oder eher Tochter Madeleines, geheiratet hatte) für eine gemäßigte Emanzipation der jungen Frauen und ihr Recht auf eine Liebesheirat wirbt, womit er eine heftige Kontroverse auslöste, die er mit den Prosastücken La Critique de l'École des femmes und L'Impromptu de Versailles (=das Stegreifspiel von V.) weiter anheizte (beide 1663). Dem König scheint dies gefallen zu haben, denn er setzte Molière eine Pension von 1000 Livres jährlich aus und wurde im Januar 64 sogar Taufpate seines ersten (allerdings bald danach verstorbenen) Kindes.
Die schwierigen Jahre 1664-1669
Im Mai 1664 – inzwischen war er zum Vergnügungsdirektor Ludwigs XIV. avanciert – organisierte Molière ein dreitägiges Hoffest im neuangelegten Park von Versailles. Dort inszenierte er nach den unverfänglichen (eigenen) Stücken La Princesse d'Élide, Le Mariage forcé (=die erzwungene Heirat) und Les fâcheux (=die Lästigen) eine erste Version der Verskomödie Tartuffe ou L'Imposteur (=T. oder der Betrüger). Schon im Vorfeld der Aufführung hatten etliche Fromme am Hof gegen dieses Stück um einen scheinbar strenggläubigen, in Wahrheit aber herrschsüchtigen, raffgierigen und lüsternen Betrüger polemisiert. Nach der Aufführung brach Empörung beim gesamten "alten Hof" aus, einer Gruppierung meist älterer Höflinge, die sich um die fromme Königinmutter Anna von Österreich scharten und der Zeit vor 1661 nachtrauerten, wo man unter ihr und ihrem Minister Kardinal Mazarin die Macht gehabt hatte. Der König, dem Molières Attacke auf die Frömmler und damit durchaus auch auf den ihm lästigen "alten Hof" zunächst sehr recht gewesen war, hielt es nun, unter dem Druck dieser Leute (die z.T. in einem bigotten Geheimbund, der Compagnie du Saint-Sacrement, organisiert waren), für opportun das Stück zu verbieten.Die nächsten Jahre Molières waren bestimmt von seinem Kampf für den Tartuffe, gegen die Intrigen der "cabale des dévots" (=Klüngel der Frommen), in der z.B. auch sein ehemaliger Gönner mitwirkte, der nach einer Syphilisinfektion fromm gewordene Conti. Immerhin sah sich Molière vom König insofern unterstützt, als er im Sommer 1665 seine Jahrespension von 1000 auf stolze 6000 Pfund erhöht bekam und mit seiner Truppe den Titel troupe du roi annehmen durfte, beides übrigens kurz nach der Geburt seiner Tochter Esprit-Madeleine, die als einziges Kind überleben sollte. Im Sommer 1667 glaubte Molière eine überarbeitete und umbetitelte Version des Tartuffe in sein Programm aufnehmen zu können, doch der Präsident des Pariser Obersten Gerichtshofes (der für den auf einem Feldzug in Flandern befindlichen König die Polizeigewalt ausübte) reagierte sofort mit einem Verbot, der Erzbischof von Paris bedrohte Molière sogar mit Exkommunikation. Als dieser zwei Schauspieler mit einer Bittschrift zum König schickte, signalisierte der zwar Wohlwollen, tat aber nichts. Immerhin duldete er, dass der Prince de Condé (der ältere Bruder Contis) 1668 das Stück zweimal privat bei sich aufführen ließ.
Erst am 5. Februar 1669, als der "alte Hof" nach Annas Tod (1666) endgültig entmachtet war, Ludwig nach innen- und außenpolitischen Erfolgen fest im Sattel saß und keine Rücksicht mehr auf die frommen Gegner Molières nehmen musste, konnte dieser den nochmals überarbeiteten Tartuffe aufführen – nun mit triumphalem Erfolg.
Inzwischen hatte er übrigens das Thema der Heuchelei weiterverfolgt: Ende 1664, also bald nach dem ersten Verbot des Tartuffe, hatte er Dom Juan verfasst, ein Prosastück über einen hochadeligen Heiratsschwindler und Freigeist, der, um sich den Nachstellungen empörter Geschädigter zu entziehen, eine Bekehrung zu christlicher Moral und Frömmigkeit vortäuscht, aber schließlich zur Hölle fährt. (Auch dieses Stück wurde, vermutlich wegen der nicht eindeutig negativen Darstellung von Dom Juans Freidenkertum, nach wenigen Aufführungen verboten.)
Im Juni 66 hatte Molière die Verskomödie Le Misanthrope (Der Menschfeind) herausgebracht, eine Satire auf die geheuchelte Nettigkeit und unehrliche Schmeichelei in den Pariser Salons und am Königshof, wobei im Hintergrund dieses vielleicht autobiografischsten Stücks des Autors aber noch zwei andere Problemkreise stehen, nämlich die Schwierigkeiten eines letztlich doch bürgerlich gebliebenen königlichen Protégés in der adeligen Hofgesellschaft sowie die Enttäuschung eines älteren liebenden Mannes durch eine kokette jüngere Frau (die sichtlich in vielem Molières 21 Jahre jüngerer Frau Armande ähnelte).
Die letzten Jahre
1668 (also nach dem Verbot auch der zweiten Tartuffe-Version) hatte Molière in der Verskomödie Amphitryon erstmals leise Kritik geübt an seinem hochmögenden, aber wenig zuverlässigen Gönner Ludwig, der verschlüsselt auftritt in Gestalt des ganz ungeniert seinem sexuellen Lustgewinn nachgehenden Titelhelden Amphitryon alias Jupiter. In Georges Dandin (Prosa, ebenfalls 1668) hatte er bitter die Arroganz gebrandmarkt, mit der Adelige, selbst wenn sie verarmt waren, die gesellschaftlich nützliche Bourgeoisie verachten und ausbeuten zu dürfen meinten.Insgesamt aber hatte er sich nach 1667 mehr und mehr auf nicht-kontroverse Themen zu verlegen begonnen und versucht, durch gefällige Stücke, insbesondere sog. Ballettkomödien mit Musik von Lully, sein Theater zu füllen und den König bei Laune zu halten. So schrieb er (neben etlichen heute vergessenen Stücken):
1668 L'Avare (Der Geizige, Prosa), wo er den Typ des reich gewordenen, aber engstirnig und geizig gebliebenen Bürgers karikiert, der seine lebensfroheren und konsumfreudigeren Kinder fast erstickt;
1669 (nach dem endlichen Erfolg des Tartuffe) Monsieur de Pourceaugnac (Prosa), eine Klamaukkomödie, in der er einen dümmlichen Provinzler die quasi schon eingekaufte Braut an einen klügeren Rivalen verlieren läßt;
1670 Le Bourgeois gentilhomme (=der Bürger als Edelmann, Prosa, mit Gesang- und Balletteinlagen, Musik von Lully), wo er die naive Sucht der Bourgeoisie nach Adelstiteln verspottet;
1671 Les fourberies de Scapin (=die Gaunereien von Sc.; Prosa), wo er in einer turbulenten Handlung um den pfiffigen Diener Scapin alle Register der Farce zieht;
1672 Les femmes savantes (Die gelehrten Frauen, Verskomödie), wo er das gewissermaßen falsche Bewusstsein dreier pseudogebildeter und pseudoemanzipierter Bürgerinnen karikiert, und schließlich
1673 Le Malade imaginaire (Der eingebildete Kranke, Prosa), wo er ein altes und mehrfach auch schon von ihm selbst bearbeitetes Thema gestaltet, nämlich die naive Medizingläubigkeit reicher Kranker und vor allem die Inkompetenz der von keinerlei Selbstzweifeln geplagten Ärzte – eine Inkompetenz, die dem selbst häufig kranken Molière (Tuberkulose?) nur allzu geläufig war.
Insgesamt verdüsterte sich in diesen Jahren rasch sein Horizont: Der ständige berufliche Stress sowie die langen Querelen um den Tartuffe hatten seine Gesundheit ruiniert; häufige Eheprobleme setzten ihm zu; Anfang 1672 erkrankte und verstarb seine langjährige Weggefährtin Madeleine Béjart; Ende 72 starb ein drittes Kind bald nach der Geburt; er musste erleben, wie der Komponist Lully zum Rivalen wurde, den der König zu favorisieren begann.
Der Malade imaginaire sollte Molières letztes Stück bleiben und der Kranke seine letzte Rolle. Bei der vierten Aufführung am 17. Februar 1673 brach er zusammen und starb kurz danach. Nur mühsam gelang es seiner Frau Armande, den Widerstand des Gemeindepfarrers zu brechen und über den König beim Erzbischof von Paris die Genehmigung einer halbwegs ehrbaren Bestattung zu erlangen.
Die Truppe Molières blieb unter Armandes Leitung zunächst bestehen, schloss sich aber, als Rivale Lully den Saal des Palais-Royal zugesprochen bekam, der Truppe des Théâtre du Marais an. 1680 fusionierte diese auf Anweisung von Ludwig XIV. mit der Truppe des Hôtel de Bourgogne: die noch heute bestehende Comédie Française war geboren.
Werke
- La Jalousié du Barbouillé
- Le Médecin volant
- L'Étourdi ou Les Contretemps (Der Wirrkopf oder die Querstreiche)
- Le Dépit amoureux (Liebesverwirrung)
- Les Précieuses ridicules (Die lächerlichen Preziösen)
- Sganarelle ou Le Cocu imaginaire (Sganarell oder Der Hahnrei in der Einbildung)
- Dom Garcie de Navarre ou Le Prince jaloux (Dom Garcie oder Der eifersüchtige Prinz)
- L'École des maris (Die Schule der Ehemänner)
- Les Fâcheux (Die Plagegeister)
- L'École des femmes (Die Schule der Frauen)
- Critique de l'École des femmes (Die Kritik der Frauenschule)
- L'Impromptu de Versailles (Das Stegreifspiel von Versailles)
- Le Mariage forcé (Die erzwungene Heirat)
- La Princesse d'Élide (Die Prinzessin von Elis)
- Tartuffe (Tartüff)
- Dom Juan (Don Juan oder Der steinerne Gast)
- L'Amour médecin (Die Liebe als Arzt)
- Le Misanthrope (Der Menschenfeind)
- Le Médecin malgré lui (Der Arzt wider Willen)
- Mélicerte
- Pastorale comique
- Le Sicilien ou L'amour peintre (Der Sizilier oder Der verliebte Maler)
- Amphitryon
- Georges Dandin ou Le mari confondu (George Dandin oder Der geprellte Ehemann)
- L'Avare (Der Geizige)
- Monsieur de Pourceaugnac
- Les Amants magnifiques
- Le Bourgeois gentilhomme (Der Bürger als Edelmann)
- Psyché
- Les fourberies de Scapin (Scapinos Gaunerstreiche, auch: Die Spässe des Scapin)
- La Comtesse d'Escarbagnas (Die Gräfin von Escarbagnas)
- Les Femmes savantes (Die gelehrten Frauen)
- Le Malade imaginaire (Der eingebildete Kranke)
Literatur
- Ludwig Börne: Dramaturgische Blätter: Der Geizige. Sämtliche Schriften. Band I, Düsseldorf 1964.
- Jürgen Grimm, Molière, München: Metzler, 1984.
Weblinks
- Artikel in "Namen, Titel und Daten der franz. Literatur" (Quelle)
- Werke online, englisch
- Werke online, französisch
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Zur Erklärung siehe Wikipedia:Personendaten.
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