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Marsch auf Rom

Unter dem Marsch auf Rom versteht man die Machtübernahme Mussolinis und der von ihm geführten faschistischen Bewegung in Italien im Oktober 1922.

Inhaltsverzeichnis
1 Vorgeschichte: Italien 1919 bis 1922
2 Marsch auf Rom: 27.-30. Oktober 1922
3 Nachgeschichte und Auswirkungen
4 Siehe auch

Vorgeschichte: Italien 1919 bis 1922

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Italien von einer tiefen wirtschaftlichen, politischen und kulturell-moralischen Krise erschüttert. Das Land gehörte zwar 1918 zu den Siegermächten, aber schon bald setzte sich die Meinung durch, die italienischen Politiker hätten auf den Friedenskonferenzen die italienischen Interessen nicht ausreichend vertreten - das Schlagwort der vittoria mutilata, des "verstümmelten Sieges", das der Dichter-Soldat Gabriele D'Annunzio geprägt hatte, verbreitete sich. Zugleich kam es zu erbitterten sozialen Auseinandersetzungen in den landwirtschaftlich geprägten Gebieten Italiens, wo sich die Landbesitzer (die agrari) auf der einen und die Pächter und Arbeiter auf der anderen Seite mit ihren "Ligen" und Kooperativen gegenüberstanden. Aus diesen Auseinandersetzungen ging die Arbeiterbewegung 1919/20 oft siegreich hervor. Ab Mitte 1920 begannen zusätzlich sozialistische Arbeiter, Fabriken in Norditalien zu besetzen, um die Produktion selbst zu organisieren.

Die Folge war unter anderem eine tiefe Verunsicherung der agrarischen und industriellen Eliten, die sich in ihrer sozialen Stellung bedroht sahen. Die 1919 gegründete, aber zunächst vollkommen erfolglose faschistische Bewegung verstärkte diese Ängste nach Kräften, indem sie gegen die vermeintliche Gefahr einer "roten", also bolschewistischen Revolution agitierte und sich selbst mit ihren Kampf- und Schlägertrupps, den sogenannten "Squadren" (squadre), als Garant der vermeintlich bedrohten Ordnung empfahl.

Die Squadristen wurden daraufhin vor allem von den Großagrariern mit kräftiger finanzieller und materieller Unterstützung (etwa mit den legendären Lastwagen des Typs 18 B.L.) versehen, vertrieben die Sozialisten aus den Fabriken und drangen in der Folgezeit immer mehr von den Städten aufs Land vor, wo sie Organisationen und Einrichtungen der Arbeiterbewegung zerstörten und sogar sozialistisch beherrschte Rathäuser angriffen. Sie gingen dabei äußerst brutal und militärisch organisiert vor. Polizei und Verwaltung ließen die Faschisten meist gewähren, weil sie in ihnen Verbündete zur Wahrung der Ordnung sahen - und dabei nicht bemerkten, dass sich die Faschisten gerade die Zerstörung der bestehenden liberalen Ordnung zum Ziel gesetzt hatten.

In den Jahren 1921 und 1922 breitete sich die faschistische Bewegung sowohl geographisch als auch zahlenmäßig enorm aus und wurde 1922 mit über 300.000 Mitgliedern zur stärksten Massenbewegung des liberalen italienischen Staats. Schon Ende 1921 hatte Mussolini, der immer mehr zum unbestrittenen Kopf, dem Duce, des Faschismus avancierte, die bis dahin lose zusammengehaltene Bewegung lokaler Squadren und Fasci di Combattimento in eine Partei, den Partito Nazionale Fascista ("Nationale Faschistische Partei", PNF) umgewandelt, um die Massenbasis der Bewegung zu verbreitern und seine eigene Stellung zu festigen.

Als entscheidende Niederlage der Sozialisten, deren Partei sich in dieser Zeit überdies zweimal spaltete, kann der gescheiterte Generalstreik vom Juli/August 1922 gelten, den die faschistischen Trupps in den großen Städten mit Gewalt auflösten. Die Faschisten forderten nach diesem Sieg Neuwahlen und drohten mit einem "Marsch auf Rom", falls dieses Anliegen nicht erfüllt würde. Außer dem großen alten Mann der italienischen Politik, Giovanni Giolitti, waren aber praktisch alle führenden Politiker in Rom gegen eine Regierungsbeteiligung der Faschisten.

Marsch auf Rom: 27.-30. Oktober 1922

An einer Geheimkonferenz in Mailand am 16. Oktober 1922 stellten sich die Faschisten die Frage, ob sie auf legalem Weg oder durch Gewalt an die Macht kommen wollten. In einer Proklamation an die Bevölkerung riefen sie daraufhin zu einer nationalen Revolution auf:

Faschisten, Italiener! Nehmt euer ganze Heer zusammen du kämpfst mit uns diese Schlacht, die wir gewinnen müssen und gewinnen werden! Es lebe Italien! Es lebe der Faschismus!

Am 24. Oktober 1922 hielt Mussolini eine Rede im Teatro San Carlo in Neapel, vor dem Bühnenbild des Vorabends, Madame Butterfly, in der er ganz konkret weitere Schritte androht. Die Politiker, die seine Reden und Drohungen gehört hatten, nahmen ihn aber gar nicht ernst, was vielleicht nicht zuletzt an der opernhaften Kulisse lag.

Der römische Militärkommandant Emanuele Pugliese war nicht ganz so blauäugig wie die Regierung. Er bestürmte den Ministerpräsidenten Luigi Facta, den Notstand auszurufen, aber Facta, bekannt für seine Unentschlossenheit, weigerte sich. Erst in der Nacht vom 27. zum 28. Oktober, kurz nach Mitternacht, als sich die Schwarzhemden ganz ungeniert Tatsachen geschaffen hatten und sich die Nachrichten überstürzten, berief Facta das Kabinett ein.

Die squadri besetzen nach und nach die Telefonzentralen und alle Regierungsgebäude, beschlagnahmten Eisenbahnen und verbündeten sich sogar mit der italienischen Armee. Die Regierung beschloss daraufhin den Belagerungszustand auszurufen. Das Notstandsdekret, das der Armee das sofortige Losschlagen gegen die Faschisten ermöglichen sollte, wurde vorbereitet und Facta brachte es am nächsten Morgen zu König Vittorio Emanuele III, dessen Unterschrift nötig war, damit das Dekret in Kraft treten konnte.

Einige der konservativen Vertrauten des Königs wie Antonio Salandra (der ehemalige italienische Premier) hatten ihm von der Unterschrift abgeraten – teils, weil sie sich dann den Rücktritt des unbeliebten liberalen Facta erhofften, teils, weil sie glaubten, in einer Koalition mit den Faschisten hohe Ämter zu erhalten. Sie machten den König glauben, die Faschisten seien der Armee zahlenmäßig weit überlegen, Mailand sei schon in ihrer Hand und Rom könne nicht mehr gehalten werden, es gäbe nur unnötiges Blutvergießen im Falle der Unterschrift des Dekretes.

Das stimmte aber keineswegs. In Mailand war die Armee, von Facta informiert und in der Annahme das Notstandsdekret würde unterschrieben, schon aufmarschiert und in der Überzahl über die dort versammelten Faschisten. Vittorio Emanuele verweigerte die Unterschrift des Dekretes, weil er aufgrund falscher Informationen dachte, nur so könne er einen Bürgerkrieg vermeiden. Luigi Facta trat daraufhin zurück. Salandra überredete den König, Mussolini zum neuen Ministerpräsidenten zu ernennen.

Mussolini fuhr also genüsslich im Schlafwagen von Mailand nach Rom und erreichte am 30. Oktober um acht Uhr morgens sein Ziel. Am selben Tag kamen seine etwa dreißigtausend „Schwarzhemden“ am Bahnhof an. Auch sie waren zum größten Teil in überfüllten Eisenbahnzügen angereist. Aber – und das ist das Erstaunliche an dieser Aktion – Mussolinis Einflüsterer hatten inzwischen ganze Arbeit geleistet. Am nächsten Tag hieß es in den Zeitungen:

Der Marsch auf Rom! Dreihunderttausend bewaffneter Faschisten haben weder Durst noch Entbehrungen gescheut und sind Hunderte von Kilometern von überall her in die Ewige Stadt marschiert! Benito Mussolini hat seine Legionen hoch zu Ross über den Rubikon geführt! Er hat den König gezwungen, sich seinem Ultimatum zu beugen! 3.000 tapfere faschistische Märtyrer mussten dabei ihr Leben lassen! Benito Mussolini ist der 27. Ministerpräsident Italiens!

Nachgeschichte und Auswirkungen

Die Faschisten, die an das alte Römische Weltreich anknüpfen wollten, hatten die Stunde genutzt und waren in ihren Schwarzhemden nach Rom marschiert, angeblich um das Land vor dem Kommunismus zu schützen. Einmal an der Macht, verboten sie sämtliche Parteien außer der eigenen und errichteten eine straffe Diktatur.

Schon bald sah Adolf Hitler in Mussolini ein Vorbild und plante einen Marsch auf Berlin, der ihn an die Macht bringen sollte. Als missglückte Generalprobe kann der Marsch zur Münchner Feldherrenhalle am 9. November 1923 (Hitlerputsch) betrachtet werden.

Siehe auch



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